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Depression und Hochsensibilität

Neben einer sicher diagnostizierten Depression habe ich in den letzten ein bis zwei Jahren festgestellt, dass ich vermutlich auch noch eine andere Eigenschaft habe, die sich Hochsensibilität oder Hochsensitivität, abgekürzt, HSP nennt. Und je länger ich darüber nachdenke und mich beobachte, umso sicherer bin ich mir, dass es einen Zusammenhang zwischen Depression und Hochsensibilität gibt. Wie ich darauf komme, will ich euch gerne erklären.

Hochsensibilität ist ein relativ neues Konzept, das von der US-amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron erst vor etwa 20 Jahren entwickelt wurde und bisher wissenschaftlich auch noch nicht endgültig definiert ist. Dennoch finde ich mich in vielen Aspekten, die hochsensiblen Menschen zugeschrieben werden, wieder und erreiche bei Tests regelmäßig Höchstwerte. Ich halte das Konzept für sehr wichtig und wertvoll, weil es mir in vielen Punkten die Augen geöffnet und mir eine plausible Erklärung dafür gegeben hat, was ich in manchen Situationen erlebe und empfinde.

Wichtig ist: Es handelt sich dabei nicht um eine Erkrankung oder Störung wie bei der Depression, sondern um eine normale Eigenschaft, die mitunter zur Belastung werden kann, aber auch sehr positive Seiten hat. Hochsensible Menschen nehmen unter anderem Reize stärker wahr als ihre Mitmenschen. Das können Gerüche, Geräusche oder Lärm, aber auch beispielsweise Schmerzen oder sogar Stimmungen sein. Ich selbst reagiere zum Beispiel sehr stark auf bestimmte Formen von Lärm. Bei Knallen bekomme ich Panikattacken.

Aber ich will auf etwas anderes heraus. Hochsensible Menschen nehmen, wie bereits angedeutet, auch Stimmungen sehr viel intensiver wahr. So geht es mir auch. Ich merke es sofort, wenn etwas „nicht stimmt“ oder „in der Luft liegt“. Insbesondere bei Verwandten oder engen Freunden bemerke ich Missstimmungen sofort und liege meistens richtig. Aber auch in größeren Gruppen geht es mir nicht selten so.

Ich vermute, dass es hier einen direkten Zusammenhang zu meiner Depression gibt. Ich habe in meinem letzten Artikel beklagt, dass mir die „Leichtigkeit des Seins“ fehlt. Unter anderem die Fähigkeit, das Leben auch mal leicht zu nehmen, sich nicht über alles Gedanken zu machen, geht mir komplett ab. Das könnte eine Folge der beschriebenen Eigenschaft der Hochsensibilität sein, Stimmungen sehr intensiv wahrzunehmen, in diesem Falle natürlich vor allem negative Stimmungen. Ich nehme mir das dann immer sehr zu Herzen und frage mich, ob ich schuld an der schlechten Stimmung bin. Und auch diese leichte Beeinflussbarkeit durch Stimmungen anderer ist typisch für Hochsensibilität.

Auch eine andere Eigenschaft der Hochsensibilität macht mir im Zusammenhang mit meiner Depression gelegentlich zu schaffen. Auf Wikipedia wird das „langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten“ genannt, ein Ausdruck, den ich sehr passend finde. Das erfahre ich immer wieder. Ereignisse rufen bei mir sehr leicht Emotionen hervor, die dann auch sehr lange nachwirken. Insbesondere können meiner Erfahrung nach negative Emotionen von Ereignissen sehr lange nachwirken, teilweise Jahre. Besonders schlimm kann das bei der Emotion Scham sein, wenn sie sich über Jahre hält, wenn ich an ein bestimmtes Ereignis erinnert werde. Das passiert selbst bei Ereignissen, die für andere kein Grund zur Scham wären und die sie längst vergessen hätten. Ich denke, das kennt jeder, der einmal mit Depressionen zu tun hatte. Ich vermute, dass die Nachhaltigkeit dieser negativen Empfindungen durch Hochsensibilität verstärkt werden können.

In diesem Fall hat die Hochsensibilität aber auch eine positive Seite, die bei einer Depression meiner Erfahrung nach sehr heilsam sein kann. Denn es können natürlich auch positive Emotionen länger nachklingen, vor allem bei Musik. Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass bestimmte Konzerte für einen längeren Zeitraum eine deutliche Besserung meiner Depression hervorriefen, weil ich lange von den positiven Emotionen „zehren“ konnte.

Es gibt noch einige andere Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität und Depression, die ich immer mal wieder erlebe, wie z. B. bei für Hochsensible und durchaus auch für Depressive typischen Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit, die mir in einer übertriebenen Form immer wieder bei der angesprochenen „Leichtigkeit des Seins“ auf die Füße fällt. Alles in allem glaube ich, dass eine Hochsensibilität zwar nicht ursächlich für eine Depression sein muss, depressive Denk- und Verhaltensmuster aber durchaus verstärken kann. Wissenschaftliche Belege für diesen Zusammenhang habe ich bisher nicht finden können. Vielleicht wisst ihr ja was?

Was meint ihr? Habt ihr diesen Zusammenhang auch schon beobachtet? Oder seht ihr das völlig anders? Wenn ihr selbst erst einmal einen Anhaltspunkt finden wollt, ob ihr eventuell hochsensibel seid, kann ich euch diesen Test ans Herz legen. Wie bereits angedeutet, handelt es sich noch nicht um ein wissenschaftlich komplett gesichertes und definiertes Konzept, weswegen der Test nur Anhaltspunkte geben kann.

Kommentare

  1. Julia sagt:

    Lieber Edvard,

    herzlichen Dank für deinen lesenswerten Beitrag!

    Ich selbst bin hochsensibel und durchlaufe ab und an eine Phase des Weltschmerzes. Vielleicht kennst du das auch?

    https://hochsensibel1753.wordpress.com/2015/07/12/aus-dem-leben-einer-hochsensiblen-2/

    Ganz liebe Grüße und weiter so mit deinem Blog,
    Julia

    • Edvard sagt:

      Danke für deinen Kommentar und deinen Zuspruch, Julia. Leider war ich erkrankt, weswegen ich jetzt erst reagieren kann. Ich werde mir deinen Beitrag in Ruhe durchlesen.

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